Leben wie eine Excel-Tabelle: Wenn KI unseren Optimierungswahn füttert
Sep 28, 2026Wir haben beim Thema KI ein grösseres Problem als Halluzinationen, Deepfakes oder die Frage, ob uns irgendwann die Jobs ausgehen.
Wir haben begonnen, unser Leben wie eine Excel-Tabelle zu behandeln.
Das klingt zuerst nach Kulturkritik vom Sofa aus. Ist es aber nicht. Denn wer KI in eine Kultur einführt, die schon vorher alles optimieren wollte, beschleunigt nicht nur die Arbeit. Sondern auch den Druck, alles schneller, effizienter und messbarer zu machen – sogar die Dinge, die genau davon kaputtgehen.
Unser Leben als Tabellenblatt
Podcasts auf 1,8-facher Geschwindigkeit. Schlaftracking. Schrittzähler. Morgenroutine. Produktivitätsanalyse.
Bald meldet sich vermutlich die Smartwatch beim Sonnenuntergang: «Emotionale Resonanz heute 14 Prozent unter Durchschnitt. Bitte morgen intensiver staunen.»
Wir lachen darüber. Ein bisschen nervös vielleicht. Denn der Schritt dorthin ist nicht mehr gross. Viele von uns messen längst Dinge, die man früher einfach erlebt hat. Und was gemessen wird, wird irgendwann optimiert. Was optimiert wird, muss irgendwann besser werden. Auch wenn es eigentlich nur schön sein sollte.
KI: Die Espressomaschine am Bett des Koffeinabhängigen
Und jetzt kommt KI. Für unseren Optimierungsdrang ist das ungefähr so, als würde man einem Koffeinabhängigen eine Espressomaschine direkt ans Bett stellen.
Plötzlich können wir schneller schreiben, recherchieren, lernen und entscheiden. Grossartig. Wirklich. Ich nutze das selbst gerne.
Nur: Was passiert, wenn wir auch jene Dinge effizienter machen wollen, deren Wert gerade darin liegt, dass sie Zeit brauchen?
Ein Gespräch, das sich entwickeln darf. Ein Gedanke, der reifen muss. Ein Moment, der einfach da ist. Diese Dinge werden durch Tempo nicht besser. Sie werden durch Tempo zerstört. Und genau da liegt die Frage nach KI, Tempo und Menschlichkeit: Nicht alles, was schneller geht, sollte auch schneller gehen.
Sibelius und die Schwäne
Ich bin auf einen Essay von Joseph Earp im Guardian gestossen. Er schreibt über seinen Überdruss am Optimierungswahn und darüber, warum er Zuflucht in klassischer Musik findet.
Darin geht es auch um Jean Sibelius, den finnischen Komponisten. Er beobachtete einmal Schwäne, die in den Himmel stiegen. Der Moment berührte ihn so sehr, dass daraus später eine Passage seiner fünften Sinfonie entstand.
Heute wäre der Ablauf vermutlich: Video im Hochformat, fünf Hooks über «Schwäne und Leadership», drei Social-Media-Versionen und danach ein A/B-Test.
Und irgendwo dazwischen wäre der Moment weg.
Das ist der Kern. Nicht die Technik ist das Problem, sondern der Reflex, jeden Moment sofort in etwas Verwertbares umzuwandeln. Wer jeden Augenblick gleich verarbeitet, erlebt ihn nicht mehr.
Was das für Führung und Organisationen bedeutet
Führungskräfte prägen, welches Tempo in einer Organisation als normal gilt. Wenn KI eingeführt wird, ist die Versuchung gross, alles, was schneller gehen kann, auch schneller zu verlangen. Ein paar Fragen, die helfen, bewusster damit umzugehen:
- Wo ist Tempo ein Gewinn? Routineaufgaben, Recherche, Entwürfe: Hier darf KI beschleunigen.
- Wo ist Zeit der eigentliche Wert? Vertrauensaufbau, schwierige Gespräche, strategisches Nachdenken, Kreativität: Hier braucht es bewusst Raum.
- Was messen wir – und was nicht? Nicht alles, was zählt, lässt sich zählen. Wer nur Effizienz misst, bekommt am Ende genau das: Effizienz. Und sonst wenig.
- Wie leben wir es vor? Wer als Chefin oder Chef selbst jeden Moment optimiert, darf sich nicht wundern, wenn das Team es ebenfalls tut.
Ich wünsche dir eine bewusste Woche. Und mindestens einen Moment, den du nicht optimierst.
PS: Das Bild zum ursprünglichen Beitrag war natürlich mit KI erstellt. Ich hatte keine Zeit, Schwäne zu beobachten. Ich musste schliesslich einen Beitrag über unseren Optimierungswahn schreiben.
Wie viel Tempo verträgt eure Organisation – und wo braucht es mehr Menschlichkeit? Stefan Dudas spricht in Keynotes, Vorträgen und Workshops über KI, Führung und das richtige Mass. Mehr Haltung. Weniger Hype. Keynote / Anfrage: Melde dich über das Kontaktformular auf der Website der Sinnkomm AG.
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