Der Beifahrer-Effekt: Warum sich KI nach Fortschritt anfühlt
Oct 14, 2026Mit KI fühlt sich Arbeit an wie Fortschritt. Eine neue Studie hat nachgemessen, ob das Gefühl recht hat. Kurze Antwort: eher nicht.
Das ist keine Absage an KI. Aber es ist eine Warnung an alle, die Produktivität vor allem am eigenen Gefühl messen. In diesem Artikel erfährst du, was die Studie untersucht hat, was sie zeigt, wo ihre Grenzen liegen und welche einfache Frage du dir vor jedem «Fertig» stellen kannst.
Was die Studie untersucht hat
Die Studie stammt von Shen, Lee und He (2026) und ist in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology erschienen. Untersucht wurden 133 Kunststudierende einer Hochschule in China. Ihre Schlussarbeiten wurden von Dozierenden bewertet, die nicht wussten, wer KI benutzt hatte. Bewertet wurden unter anderem Kreativität, Technik und Autorschaft – also wie sichtbar die eigenen kreativen Entscheidungen in der Arbeit sind. Jede dieser Dimensionen wurde auf einer Skala bis 20 Punkte bewertet.
Zusätzlich gaben die Studierenden in einem Fragebogen an, wie sehr sie KI genutzt hatten und wie sie ihren eigenen Lernprozess erlebt haben.
Was herauskam: mehr Zuversicht, nicht bessere Arbeiten
Das Ergebnis lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen:
- Wer mit KI arbeitete, fühlte sich besser unterstützt, glaubte, mehr gelernt zu haben, und war zuversichtlicher.
- Besser waren die Arbeiten nicht.
- Dafür sah man ihnen weniger eigene Entscheidungen an.
Für die Zahlenmenschen unter euch: Im statistischen Vergleich mit ähnlichen Studierenden ohne KI lag der Wert für Autorschaft bei den KI-Nutzenden um 1,27 Punkte tiefer – auf einer Skala bis 20.
Besonders deutlich wird das Muster bei der Gruppe mit dem grössten KI-Anteil, also jenen, bei denen mehr als 20 Prozent des Inhalts der Arbeit von KI generiert waren. Diese Gruppe war deutlich zuversichtlicher als die ohne KI: Die Zuversicht in die Qualität der eigenen Arbeit lag bei 3,84 gegenüber 3,36 (auf einer Skala von 1 bis 5). Und sie bekam die tiefsten Werte für Autorschaft: 17,3 gegenüber 19,38 Punkten in der Gruppe ohne KI-generierte Inhalte.
Mehr Zuversicht. Weniger sichtbare Autorschaft. Beides gleichzeitig.
Der Beifahrer-Effekt
Ich nenne das den Beifahrer-Effekt.
Drei Stunden auf dem Beifahrersitz nach Mailand, jede Ausfahrt gesehen, und man ist überzeugt, die Strecke zu kennen. Bis man selbst am Steuer sitzt und merkt: Man hat vor allem die Landschaft angeschaut.
Genau so kann sich die Arbeit mit KI anfühlen. Du bist dabei, du siehst jeden Schritt, du klickst, du korrigierst ein wenig. Und am Ende hast du das Gefühl, du hättest das alles selbst durchdrungen. Das Gefühl von Fortschritt ist echt. Ob der Fortschritt bei dir angekommen ist, ist eine andere Frage.
Für Organisationen ist das relevant, weil viele KI-Einführungen genau über dieses Gefühl bewertet werden: Mitarbeitende sind zufrieden, fühlen sich unterstützt, empfinden sich als produktiver. Das ist schön. Aber es ist nicht dasselbe wie bessere Resultate oder mehr Kompetenz.
Fairerweise: Was die Studie nicht zeigt
Zur Ehrlichkeit gehört auch, die Grenzen zu benennen:
- Eine Hochschule: Die Daten stammen aus einem einzigen Hochschulkontext mit Kunststudierenden. Ob sich das auf Büros, Verwaltungen oder Produktionsbetriebe übertragen lässt, ist offen.
- Selbstauskunft: Wie stark KI genutzt wurde, haben die Studierenden selbst angegeben. Das sind Einschätzungen, keine exakten Messungen.
- Keine saubere Ursache-Wirkung: Die Studie zeigt Zusammenhänge. Sie beweist nicht, dass KI die tieferen Autorschaftswerte verursacht hat.
Es passt trotzdem verdächtig gut zu dem, was ich bei Diplomarbeiten sehe: Formal saubere Arbeiten, hinter denen nicht immer ein eigener Weg steckt.
Die Drei-Sätze-Probe vor dem «Fertig»
Mein Vorschlag: Bevor du bei der nächsten KI-Arbeit auf «Fertig» klickst, sag dir in drei Sätzen, welche Entscheidung darin von dir stammt.
Fällt dir keine ein, war die KI fleissig. Du eher weniger.
Diese Probe funktioniert für Berichte, Präsentationen, Konzepte und Mails genauso wie für Schlussarbeiten. Und sie lässt sich im Team verankern. Zum Beispiel, indem ihr in Reviews nicht nur das Resultat anschaut, sondern auch fragt: «Welche Entscheidungen hast du hier selbst getroffen – und welche hast du der KI überlassen?»
Darum die Frage an dich: Bewertet ihr in Schule, Lehrbetrieb oder Team nur das Resultat oder auch den Weg dorthin?
Quelle: Shen, N., Lee, L. S. & He, A. (2026). Generative AI in creative education: baseline-linked evidence on learning processes, artistic performance, and authorship. Frontiers in Psychology. doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1956939
Fühlt sich eure KI-Einführung nach Fortschritt an – oder ist sie es auch? Stefan Dudas zeigt in Keynotes, Vorträgen und Workshops, wie Organisationen KI nutzen, ohne dabei das eigene Denken auf den Beifahrersitz zu verbannen. Keynote / Anfrage: Melde dich über das Kontaktformular auf der Website der Sinnkomm AG.
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